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  • Mariia Barvinska

Atme alles aus, was schmerzt

Alles war wie immer, es geschah zu einer bestimmten Zeit. Du bist wie immer in Angelegenheiten und Strapazen gesteckt, bist zu deiner Arbeit gegangen, hat es gewagt, mit den Menschen zu streiten, die dir etwas bedeuten – vielleicht sogar alles –, und denkst darüber nach, bis es vielleicht zu spät ist? Du lebst ruhig und wünschst der Welt eine gute Nacht, bevor sie vor deinen Augen in zahlreiche Scherben zerbricht.

Gott helfe mir, die unerträglich lauten Schmerzensschreie meiner Welt auszublenden, ihre Ganzheit zusammenzuhalten, weil ich fühle, wie mir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Alles, was mich mit der Vergangenheit verbindet, ist in der unausstehlichen Gegenwart verloren gegangen. Im erstarrten Moment. Man erfährt, was Ewigkeit bedeutet, versteht, was das Leben wert ist. Ist es wirklich so nichtig? Wie viele Leben wurden schon ausgelöscht, damit wir atmen können. Ich atme aus. Das Herz klopft im Brustkorb – ich zähle die Schläge und bemühe mich, Ruhe zu bewahren, während das Sirenengeheul den Kopf zerspaltet.

Man denkt über wunderbare Sachen nach, wenn man den Tod in der Nähe spürt. Jetzt verstehe ich, was wirklich wichtig ist und was zu tun wäre. Solange ich atme, bin ich noch zu helfen fähig. Solange ich Essen und ein Zuhause habe, bin ich glücklich. Solange ich meine Familie und Verwandten sehen kann, ist das mein Segen. Ich kann eine Stütze für andere sein und die anderen sind meine Stütze. Es gibt jemanden, der mich braucht und den ich nicht aufgeben darf. Das sind Grundsätze einer Zeit von vernichteten Plänen und unklarer Zukunft.

Die Welt verändert sich wirklich rasant. An einem Morgen teilt man mit den Menschen, mit denen dich nichts verband, die einheitliche Erfahrung und Sorge. Am selben Morgen findest du die Bekannten fremd: Die Nachbarhäuser sind leer: Man weiß, dass sie nicht mehr zurückkommen. Ein paar Tage vorher hatte ich einen Streit mit meinem Vater. Heute flehe ich darum, seine Stimme noch einmal zu hören. Ich bete, dass er am Leben bleibt.

Ich sehe mir die Bilder an: Zerstörte Infrastruktur, brennende Häuser, mit Raketen- und Gebäudesplittern bedeckte Plätze. So ist jetzt mein Land und mir kommen die Tränen. Verletzte Zivilisten und Tote, die man nicht mehr erkennen kann. Die Untergrundbahn, wo sich viele Kinder vor der Wut des Krieges verbergen. Meine Schwester bekommt ein Kind, es wird im Mai zum ersten Mal diese Welt erblicken und es schmerzt mir.

Ich habe einen Bekannten in Sumy. Er wollte die Blockade der Stadt lieber vergessen. Er hat mir erzählt, wie der russische Panzer ein Auto mit einem Fahrer und Fahrgästen überfahren hat, als sie versucht haben, die Stadt zu verlassen. Man erlebt den zum Leben erwachten Albtraum aus Geschichtsbüchern, dessen Rückkehr nie wieder geschehen dürfte – wie die Mächtigen dieser Welt uns beteuert haben. Das Land des unbeugsamen Friedens, sein den Krieg hassendes Volk, unser roter Erlöser, der die Farbe des vergossenen Blutes trägt. Meine Mutter ist in der Sowjetunion aufgewachsen, auf ihrem Boden der schamlosen Lügen und erinnert sich an schöne Worte und große Versprechen, die sich leider als ganz leer erwiesen haben. Wir seien ein Einheitsvolk, das den Sieg und die Befreiung mit sich bringt — die unterdrückte Mosaikkreatur, die dem Druck nicht standgehalten hat – wir seien nichts und niemand ohne deine Größe. Und wir wollen nicht wieder in den Schmutz gezogen werden. Ihr Gerippe ist verrostet, die Würde abgebröckelt, aber der Hunger nicht verstummt. Ihre Form hat sich verändert, die Farben sind schon verblichen, aber sie bleibt unser roter Erlöser und lässt uns nicht in Ruhe.

Der Keller riecht nach Schimmel, Staub und Feuchtigkeit. Es ist nicht mehr merkwürdig, dass diese Gerüche Sicherheit versprechen könnten – wir haben keinen anderen Ort, um Deckung zu nehmen – die Gedanken an mehrere eingestürzte Unterstände der von Raketen beschädigten Gebäude dränge ich zurück. In einer Nacht wurde ein Dutzend Häuser völlig zerstört, in einem kleinen Dorf – das war keine Militärstrategie, nur bloße Einschüchterung: Jeder wird betroffen sein. Ich beobachte, wie das spärliche Laternenlicht aus schmierigen, rußigen Fenstern durchdringt und versuche, das Weinen von erschrockenen Nachbarskindern nicht zu beachten. Die Uhr zeigt 02:38, aber die ganze Stadt ist wach, vielleicht auch die ganze Ukraine. Mein Land, wo die Antwort auf die Frage “Wie geht es dir?” sich in “Lebe noch, zum Glück” gewandelt hat. Das wurde zu meinem Gebet und ich bewahre auch meine störrische Hoffnung, dass diese Nacht unser Leben noch nicht beendet.

Und jeden Morgen wacht man auf und wünscht dem Land einen ruhigen Tag, weil der Gram zu groß ist. Ein Mitschüler meiner Schwester, ein Junge von 25 Jahren, ist von der Front nicht zurückgekehrt. Damit seine Familie eine staatliche Unterstützung bekommen könnte, sollte der Tote identifiziert sein. Es wurde in unsere Stadt verschickt, was von ihm geblieben war: eine Hand für die Expertise. Nur ein symbolisches Grab wurde errichtet. Tausende andere Soldaten wurden in Massengräbern begraben und nur ihre Verwandten werden sich an sie leise erinnern und Tausende symbolische Gräber graben. Viele Bekannte meiner Familie sind an die Front gegangen: nicht nur Männer, auch Frauen, ganz junge Menschen, weil sie nicht mit verschränkten Armen dasitzen können. Ich kenne eine 19-jährige Medizinstudentin, die als Krankenschwester in den Osten der Ukraine gefahren ist. Ich kenne eine 60-jährige Dame, eine pensionierte Ärztin, die es auch so gemacht hat. Unsere Hilfe ist für die Ukraine und ihre Schützer nötig und jeder bemüht sich, auf irgendeine Weise zu helfen. In meiner Stadt wurde eine Kirche im Zentrum zum Ort der Freiwilligenarbeit, wohin man Nahrungsmittel, Medikamente bringen kann. Man macht Tschechenigel und knüpft Tarnnetze. Jeder Bürger opfert seine Zeit, jeder Soldat hat Angst, weiß aber, dass, wenn wir das nicht machen, dann macht es niemand. Die Menschen der ganzen Welt haben uns mit friedlichen Protesten, der Lieferung humanitärer Hilfsgüter, Beistand, und mit Unterkünften unterstützt, wir sind dafür sehr dankbar. Jeder versteht: Der gesunde Verstand und Frieden sollen auf jeden Fall gewinnen. Die Welt des 21. Jahrhunderts soll auf den Grundsätzen der Sicherheit und Menschenrechte basieren. Wir wollen das. Wir wollen unser Recht auf Freiheit, Souveränität und Leben verteidigen.

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