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  • AutorenbildSolomija Kuprijtschuk

Wir waren die glücklichsten Menschen, aber begriffen das nicht

Wir lebten, freuten uns, lachten, liebten, planten die Zukunft… Und in einem Moment hat alles, was unserem Leben einen Sinn verleiht, an Bedeutung verloren, als einige Menschen sich entschieden haben, uns zu “retten”. Aber wovor? Diese sogenannte “Rettung” verursacht den Tod Tausender unschuldiger Menschen, die Zerrüttung Tausender Leben, die Weltwirtschaftskrise. Das ist der wahre Völkermord am ukrainischen Volk, der vernichtende Krieg gegen die demokratische Welt.


Ich erinnere mich an Tage, als unsere und ausländische Regierungen begannen, Gespräche über den umfangreichen Kriegsausbruch in der Ukraine zu führen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass so etwas im 21. Jahrhundert inmitten Europas passiert. Die Gedanken über den Krieg habe ich zurückgewiesen. Ich habe mich und meine Familie getröstet, dass alles gut sein wird.


Am Morgen des 24. Februar hat meine Mutter mich mit den Worten: „Der Krieg hat angefangen“ geweckt. Das, was ich in an diesem Tag spürte, kann ich nicht in Worte fassen. Ich hatte große Angst um meine Familie und mich. Eigentlich verlässt mich die Aufregung bis heute nicht. Niemand weiß, was morgen passiert. Und eine solche Ungewissheit ruft ein trauriges Gefühl hervor, zwingt zu ständigen Gedanken über die Zukunft.


Der Krieg hat unser Alltagsleben auf den Kopf gestellt. In den ersten Tagen war es schwierig, das anzunehmen und zu begreifen, dass unser Leben in Gefahr ist. Die Angst hat mich so überwältigt, dass ich mich entschieden habe, ins Ausland zu fahren. Die erste Woche hier war am schwierigsten. Es gab kein Studium, keine Arbeit und alle Gedanken haben sich nur um die Zukunft der Ukraine gedreht. Eine solche Hoffnung wie damals, die ich auf das schnelle Ende des Kriegs gesetzt hatte, hatte ich noch nie in meinem Leben gespürt. Trotz großer Hilfe und Unterstützung, die uns in Polen geleistet wurden, fühlte ich mich unwohl. Ich hatte Gewissensbisse, dass ich in Sicherheit bin, und meine Eltern und Verwandten - in der Ukraine. Jeder Morgen begann mit dem Lesen der Nachrichten, nach denen mein mentaler Zustand sich allmählich verschlechterte.


Alles stabilisierte sich einigermaßen, als ich anfing, mich mit dem Studium und der Arbeit zu beschäftigen. Das war die einzige Möglichkeit, sich abzulenken. Diese Tätigkeiten verliehen mir ein Gefühl, dass das Leben weitergeht. Deshalb soll man an die eigene Zukunft denken, immer tätig sein, den anderen Hilfe leisten und einfach leben.


In Polen war ich auch als Freiwillige tätig. Ich helfe ukrainischen Flüchtlingen, Fremdsprachen zu lernen. Das ist die einzige Sache, mit der ich sie unterstützen kann. Ich schaute sie an und mir kamen die Tränen. In meinem Kopf entstand nur eine Frage: “Warum? Wofür müssen diese unschuldigen Kinder ihr Heimatland verlassen, sich an das Leben in einem anderen Land gewöhnen, in einer anderen Sprache kommunizieren?” Das ist unsere Realität, wo die Brutalität und das Übel des Kriegs leider die Menschlichkeit überwinden. Aber es wird nicht lange dauern. Unsere Streitkräfte geben sich viel Mühe, damit der Frieden in der Ukraine wieder hergestellt wird und damit jeder Mensch, der sich an der Invasion beteiligt, die grausamste Strafe verbüßen muss.


Der Krieg hat meine Weltanschauung verändert. Ich begriff, dass man jeden Tag genießen, jeden Moment schätzen, im Hier und Jetzt leben soll. Das Leben lässt sich nicht verschieben. Heute nehme ich die Realität anders wahr. Alle Sorgen, die wir vor dem umfassenden vernichtenden Krieg hatten, erscheinen uns heute als Kleinigkeiten im Vergleich zu den Schäden, die Tausenden Menschen zugefügt wurden, und den Nöten, die sie erleiden müssen.


Während des Kriegs habe ich noch eine wichtige innerliche Veränderung bemerkt. Ich dachte immer, dass es irgendwo anders besser ist als zu Hause. Ich strebte immer nach einem Leben im Ausland und stellte mir dort meine Zukunft vor. Und jetzt haben sich meine Gedanken verändert. Ich habe mich selbst überzeugt, dass ich mich nirgendwo auf der Erde so wohl fühle, und es nirgendwo so gemütlich ist wie in meinem Heimatland. Deshalb träume ich jetzt von einem friedlichen Leben in der Ukraine. Ich will mir nur hier meine Zukunft aufbauen.


Ich bin verwundert, wie sich der Mensch an alle Umstände gewöhnen kann, und zwar auch an den Krieg. Das Wichtigste ist, dass wir ihn nicht vergessen. Noch eine wichtige Sache, die ich seit Anfang des Kriegs gelernt habe - dankbar zu sein. Für einen Morgenkaffee, für eine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, für meine Familie… Dafür bedanke ich mich bei unseren Verteidigern, die jeden Tag das Risiko eingehen, ums Leben zu kommen.


Die Ukrainer sind heute so zusammengeschweißt wie noch nie. Wir stehen für Demokratie, Frieden, Gerechtigkeit. Darin liegt unsere Stärke. Dadurch unterscheiden wir uns von unserem Feind, der keine Vorstellung von Menschlichkeit und Heiligkeit hat, der menschliches Leben für nichts wert hält.


Der Geschichte der Ukraine zufolge bemühten sich viele Länder, sie zu erobern. Aber die Ukraine ist ein eigenständiges Land, das immer bis zum Ende mit dem Blut und Tod für Frieden und die Unabhängigkeit kämpft. Unser Volk ist unbesiegbar. Über die Ukraine und unsere Helden wird jetzt überall gesprochen. Ich bin stolz darauf, Ukrainerin zu sein! Wir werden von der ganzen Welt unterstützt, deshalb erringt die Ukraine auf jeden Fall den Sieg, und es wird wieder Frieden und Ruhe in der Ukraine herrschen.


Jeder Ukrainer hat jetzt nur einen Wunsch. Bald kommt der Tag, an dem er in Erfüllung gehen wird. Und unser Leben wird sich wieder verändern: Wir werden in einem friedlichen und unabhängigen Land leben. Dann wird jeder begreifen, dass er der glücklichste Mensch ist.

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