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  • AutorenbildJana Klymowytsch

Das geteilte Leben

Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben eines Tages in zwei Teile trennen würde. Jetzt gibt es nur noch vor und nach dem 24. Februar. Das ist der Tag, als der Krieg in meine Heimat eingebrochen ist. Wenn ich von Heimat spreche, meine ich natürlich die Ukraine, aber auch meine Heimatregion und die Stadt Cherson, die im Süden liegt und jetzt vorübergehend besetzt ist. Das ist der Tag, an dem alles zusammenbrach.

Ich erinnere mich an meine letzte Reise nach Hause, es war im Januar, schon damals war die Stimmung in der Ukraine angespannt und Gerüchte über einen russischen Angriff begannen sich zu verbreiten. Ich erinnere mich, wie ich meinen Koffer packte, um nach Lwiw zurückzukehren, weil das Studium anfing. Die aufdringlichen Gedanken, dass ich vielleicht nicht mehr hierher zurückkommen würde oder dass meine Familie Schaden erleiden könnte und ich nicht da wäre, gingen mir nicht aus dem Kopf.

Leider waren diese Gedanken nicht zufällig. Leider passierte das, was ich am meisten befürchtet hatte.

Am 22. Februar beschlossen meine Freundin und ich, spontan für ein paar Tage in die Berge zu fahren, wovon wir schon lange geträumt hatten. Es war wie eine Flucht aus dem Alltag und der Realität. Wir spazierten den ganzen Tag in den Bergen, machten Fotos und abends saßen wir auf dem Balkon, tranken Tee und unterhielten uns, während wir die wunderschöne Aussicht genossen. Aber der 24. Februar hat uns aus unserem Traum herausgerissen und in die Realität zurückgeholt. An diesem Tag bin ich ziemlich früh aufgewacht, und das erste, was ich gesehen habe, war die Nachricht meines Deutschlehrers, dass heute kein Unterricht stattfinden würde wegen der Situation im Land. Und dann sah ich den Grund dafür: zahlreiche Nachrichten, dass ein umfassender Krieg begonnen hatte.

Meine Freundin schlief noch, ich wollte sie nicht aufwecken. Ich wollte sie nicht aufwecken und diese furchtbare Nachricht erfahren lassen.

Sie wachte auf, als ich ein Video anschaute, in dem unser Präsident den Ausbruch des Krieges offiziell bestätigte, was ich immer noch nicht glauben konnte. Wir saßen schweigend mit ihr zusammen und wollten es nicht wahrhaben. Voller Angst habe ich meine Mutter angerufen und die schrecklichen Worte gehört: «Jana, die russischen Truppen sind in unsere Region eingedrungen. Wir haben Explosionen gehört. Der Krieg ist da». In diesem Moment war in meinem Herzen etwas zerbrochen.

Natürlich hat der Krieg das Leben der Ukrainer vor acht Jahren zerstört. Aber das betraf niemanden, der mir damals nahe stand, sondern nur meine innere Welt, in der alles auf den Kopf gestellt wurde, von meinen Ansichten bis zu meinem Lebensstil.

Der 24. Februar 2022 war anders. Und nach dem 24. Februar war alles anders.

Und mit jedem Tag, der vergeht, verstehe ich, dass jetzt alles anders sein wird.

Nun beginnt jeder Tag auf die gleiche Weise. Ich öffne die Augen, nehme mein Handy in die Hand und lese entsetzt die Nachrichten. Ich gehe zu den Vorlesungen und mache meine Hausaufgaben, aber dazwischen verstecke ich mich während des Luftalarms im Flur. Tag 5 des Krieges, Tag 25 des Krieges, Tag 55 des Krieges… statt Wochentage oder Monate.

Der Februar dauerte noch nie so lange.

Nicht nur mein Leben war seit dem Krieg geteilt, sondern auch meine Familie. Am 24. Februar hatten meine Eltern und meine kleine Schwester Cherson verlassen, aber meine Großeltern wollten nicht mitfahren. Damals war meine Familie durch 1.000 Kilometer zwischen Cherson und Lwiw getrennt. Als meine Familie in Lwiw angekommen war, konnte mein Vater es nicht ertragen, einfach still zu sitzen. Mein Vater, der von Beruf Elektriker ist und noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatte, beschloss, dass er unser Land verteidigen musste. So hat der Krieg meine Familie ein zweites Mal geteilt.

Jetzt ist es so, als wäre ich gleichzeitig zwischen verschiedenen Teilen der Ukraine hin- und hergerissen. Ich versuche, für diejenigen da zu sein, die weit weg sind. Wenn ich könnte, würde ich sie alle ersetzen, ich würde an ihre Stelle treten, um sie zu schützen, um ihnen ihre Schmerzen wegzunehmen. Doch leider ist dies nicht möglich. Leider macht der Krieg die Menschen in vielerlei Hinsicht machtlos.

Ich hätte nie gedacht, dass ich die russen noch mehr hassen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Hass fühlen könnte. Jeden Tag.

Jeden Tag, wenn ich all die schrecklichen Nachrichten sehe, möchte ich schreien. Ich möchte fragen, welches Recht sie dazu haben, unsere Territorien zu besetzen, unsere Menschen zu foltern und zu töten?

Man sagt, dass es schlecht sei, ständig Hass in sich zu tragen, aber wie kann ich jetzt ohne ständigen Hass und Zorn in meiner Seele leben, wenn ich mich an all den Terror erinnere, den die russen angerichtet haben?

Dieser umfassende Krieg hat jeden von uns getroffen, jeden Ukrainer, der unter Beschuss ist oder sich in Sicherheit befindet, der aus den besetzten Gebieten flieht oder sich rechtzeitig retten konnte, der in einem Schützengraben sitzt oder jeden Tag zur Arbeit geht.

Und für niemanden wird das Leben mehr so sein wie vorher.

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